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Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews 8 (2018), 4 6 Hilger, Andreas: Rezension über: Vladimir Sergeevič Bajkov, 1956: Vengrija glazami očevidcev, Moskva ; Sankt-Peterburg: Nestor-Istorija, 2016, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
1956. Венгрия глазами очевидца. ISBN 978-5-4469-0966-7

Zitierhinweis

Hilger, Andreas: Rezension über: Vladimir Sergeevič Bajkov, 1956: Vengrija glazami očevidcev, Moskva ; Sankt-Peterburg:
Nestor-Istorija, 2016, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews, jgo.e-reviews 2018, 4, S. 4-6,
https://www.recensio.net/r/3a03033db81b479ab6d7bf03e98c404f First published: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews, jgo.e-reviews 2018, 4

Vladimir S. Bajkov 1956. Vengrija glazami očevidcev [1956. Ungarn gesehen von Augenzeugen] Moskva, S.-Peterburg: Nestor-Istorija, 2016. 152 S., 32 Abb. ISBN: 978-5-4469-0966-7.


Vladimir Bajkov war in hochbrisanten Zeiten der neuesten ungarischen Geschichte als sowjetischer Vertreter vor Ort. 1945 gehörte er zu den Besatzungstruppen, 1947 bis 1950 arbeitete er für das sowjetische Sovinformbüro. Seine exzellenten ungarischen Sprachkenntnisse, an denen er ab 1945 feilte, konnten Bajkov zu tiefen Einblicken in ungarische Entwicklungen verhelfen. Sie rückten ihn nach Stalins Tod mehrmals ins Zentrum des Geschehens. So übersetzte Bajkov im Juni 1953 das stürmische Treffen der neuen sowjetischen Spitze mit Mátyás Rákosi, auf dem die Moskauer Führung den ungarischen Stalinisten harsch kritisierte und zugleich zum bequemen Sündenbock für eigene Fehler machte. Vor dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 dolmetschte Bajkov Treffen zwischen Michail Suslov und János Kádár. Anfang November 1956 schließlich begleitete Bajkov Kádár, nun Generalsekretär der ungarischen Kommunisten, nach Budapest und gehörte bis Anfang 1957 zu dessen enger Umgebung. Gemäß Vorwort griff Bajkov (leider) erst 2001 zur Feder, um seine Erinnerungen an die turbulenten Ereignisse aufzuzeichnen. Für seine retrospektiven Betrachtungen benutzte der Autor auch einschlägige Dokumentensammlungen jüngeren Datums. Auf diese Weise kommt Bajkov im Rückblick durchaus zu sehr nüchternen und negativen
Bewertungen der ungarisch-kommunistischen sowie der sowjetischen Gesamtpolitik in Ungarn. Daneben spart er nicht mit Kritik an stalinistischen Politikstilen und -inhalten (z. B. S. 14, 47 f.). Auf der anderen Seite bleibt der Autor auch diversen zeitgenössischen – öffentlichen oder privaten – Einschätzungen und Perspektiven treu. Sein Sprachstudium in Ungarn 1945, bei dem ihm ein ungarischer Dolmetscher engagiert unterstützte, wird so ganz klassisch als ein Beitrag zur Festigung der sowjetisch-ungarischen Freundschaft beschrieben. Den ungarischen Dolmetscher selbst zeichnet Bajkov sehr positiv, weil der unter anderem als prokommunistischer Aktivist armen Bauern gegen ehemalige Ausbeuter half. Mitunter blitzt das alte Feindbild „katholische
Kirche“ auf (S. 7–10). Schließlich will Bajkov schon früh Kádár als warmherzigen, offenen und klassenbewussten Mann aus dem Volk kennengelernt haben, was nicht ohne Eindruck auf ihn selbst und andere Werktätige der UdSSR geblieben sei (S. 56 f.).

Repressionen ab November 1956 erscheinen vor diesem Hintergrund als notwendige Schutz- und gerechtfertigte Strafmaßnahmen. In diesem Sinne schildert Bajkov genüsslich, wie die neuen Machthaber eine internationale Delegation von – durch den Verfasser in Anführungszeichen gesetzten – „Verteidigern des europäischen Gewissens“ mit wirklichen Opfern sinnlosen Straßenterrors vom Oktober 1956 konfrontierten und die westlichen Kritikaster damit zum Schweigen brachten (S. 84). Auf diese Weise lesen sich die Erinnerungen immer auch als Beleg für die schwierige individuelle Vergangenheitsaufarbeitung durch einen sowjetischen Funktionär, bei der kritische Einsichten von 2001 traditionelle Narrative der sowjetischen Ära nur bedingt aufbrechen. Vielfach stehen diese Ambivalenzen unverbunden nebeneinander. So lässt das, was als konkrete eigene Erinnerung präsentiert wird, die – natürlich keineswegs zu überschätzende – Rolle Bajkovs im Geschehen entsprechend unscharf. Gerade punktuelle Schilderungen von 1945 oder 1956/1957, die das ja ebenfalls miterlebte
Großgeschehen weitgehend ignorieren, lassen mitunter eher an die Beschreibung der Freuden und Abenteuer von Männerfreundschaften denken als an die Zeitzeugenschaft
für ebenso dramatische wie hochpolitische Abläufe im unterdrückten Ungarn (S. 8, 17, 78 f.). Generell wird enttäuscht sein, wer sich angesichts des Lebenslaufs und der
Aufgabengebiete von Bajkov von den gut 100 Seiten spektakuläre Geheimnisse aus den inneren Machtzirkeln, aufschlussreiche Einsichten in die Geschehnisse oder auch nur
spannende Augenblicksaufnahmen verspricht. Nur selten gelingt es dem Autor, dramatische Momente zumindest ansatzweise wiederzubeleben. Es funktioniert in Teilen
bei der Beschreibung des erwähnten Juni-Treffens 1953 mit den seinerzeitigen Ausfällen von Lavrentija Berija gegen die ungarische Führung. Bajkov selbst will hier das erste Mal
das „wahre“, „unmenschliche“ Wesen der eigenen Führungskader erkannt haben (S. 52 f.). Ansonsten liefern die Erinnerungen neben den erwähnten Belegen für
Möglichkeiten und Grenzen postsowjetischer Vergangenheitsbewältigung – verstreut über den gesamten Text – einige interessante Details und Einblicke: Bajkov hält etwa bei
der Fehleranalyse von Rákosi auch dessen jüdische Nationalität für einen beachtenswerten Faktor (S. 14), er lässt die Öde der sowjetischen Propaganda nach der
Niederschlagung des Ungarn-Aufstands erkennen (S. 26), er zeigt Auswirkungen des Gesundheitsbewusstseins von Kliment Vorošilov auf dessen Auslandsaktivitäten oder er
beleuchtet schlaglichtartig die verheerenden Folgen von Stalins Einmischung in die Linguistik (S. 41). Vor dem Hintergrund des überschaubaren historischen Ertrags der Erinnerungen ist zum Abschluss die kundige historische Kommentierung der Memoiren und der Rahmenentwicklungen positiv hervorzuheben, den Aleksandr Stykalin beigesteuert hat. Stykalin liefert akkurat die unmittelbare Kontextualisierung, die dem Zeitzeugen Bajkov in seiner Position kaum entgangen sein dürfte, die er aber in seinen konkreten Erinnerungen weitgehend ausblendet (S. 132).

ANDREAS HILGER Hamburg

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